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Gesundheitliche Gefährdung durch berufliche Berylliumexposition ist in der internationalen Fachwelt ein aktuelles Thema. In den letzten Jahren wurde bekannt, dass sehr viel niedrigere Berylliumkonzentrationen in der Luft, als bisher angenommen, Erkrankungen auslösen können. Probleme ergeben sich aus den sensibilisierenden Eigenschaften des Stoffes, der auch eine chronische Berylliose auslösen kann.

Verwendung

Beryllium ist ein seltenes Leichtmetall von stahlgrauer bis silbrig weißer Färbung. Es kommt in der Natur nur in Form von Verbindungen mit Sauerstoff vor, in aller Regel gemeinsam mit Silicium und oft auch mit Aluminium.
Aufgrund mehrerer Eigenschaften wie geringem spezifischem Gewicht, großer Härte und Zähigkeit, hohem Schmelzpunkt, Korrosionsbeständigkeit sowie Durchlässigkeit für Röntgenstrahlen wird Beryllium als Metall selbst oder meist als Legierungszusatz zu Kupfer, Magnesium oder Aluminium in hoch beanspruchten Werkstoffe eingesetzt, vor allem in der Luft- und Raumfahrt sowie in der Kerntechnik.<br>

Beruflich sind Beschäftigte Beryllium gegenüber in zahlreichen Branchen exponiert, unter anderem

  • – im Automobilbau (Schalter, elektronische Verbindungselemente, Airbagschalter und -Federn, Verbindungselemente für elektrische und elektronische Bauteile, Ventilsitze in Rennmotoren, Antiblockiersysteme, Federscheiben für Steuerräder, Isolierungen für KFZ-Zündsysteme und für andere elektronische Bauteile, Messfühler, Formel-1-Motorsport-Bauteile aus Beryllium-Aluminium-Legierungen),
  • – bei der Haushaltstechnik (Sicherungsschalter, elektrische Schalter, elektr. Schalterklemmen, Kabelverbindungen),
  • – in der Telekommunikation und Computertechnik (Hochfrequenzverbindungsstecker, Bauelemente in Handys, Computerbauteile, elektromagnetische Abschirmungen, Federn für Drehscheibentelefone, Gehäuse für Unterwasserbauteile (Unterwasserkabel etc.), Bauteile in Hochleistungscomputern, Lamellenkühler, Isolatoren, elektronische Schaltkreise),
  • – in der Rüstungsindustrie (Waffenproduktion (funkenfreie Werkzeuge), Sprengköpfe für Nuklearwaffenproduktion, Neutronen-reflektoren, Raketenantriebssysteme, Armierung von Militärfahrzeugen, Nuklearreaktorenbauteile, Navigationssysteme für Flugkörper, elektrische und elektronische Bauteile, Hitzeschilder, Radarreflektorensysteme),
  • – im Werkzeug- und Formenbau für den Druckguss (Funkenfreie Werkzeuge, Spritzgussformen für Plastikwerkstoffe, (Wälz-)Lager – im Schwermaschinenbau, Zahnräder (Sondermaschinen), Antriebssysteme (Sondermaschinen), Werkzeugautomaten, Rohre und Federn und Bohrer für Spezialanwendungen, Hochpräzisionsbauteile, Schweißelektroden für Widerstandsschweißverfahren, Kolben für Spritzgussmaschinen, Diamantbohrspitzen),
  • – in der Flugzeug- und Weltraumtechnik (Höhenmesser, Bremssysteme, Lagerbuchsen (Landegestell), elektrische und elektronische Verbindungsteile, Maschinenbauteile, Kreiselkompasse, Spiegel für Teleskope, Präzisionsteile, Hitzeschilder, Raketentreibstoffe, Satellitenbauteile, optische Instrumente, Motorenbauteile),
  • – auf dem Energiegewinnungssektor (Rahmen für Sonnenkollektoren (Be-Cu-Legierungen), Ölbohrausrüstungen, Bohrköpfe, Bauteile für Blow-Out-Preventer, Wärmetauscher, Relais, Schalter, Bauteile in Atomreaktoren, Turbinenbauteile (Lagerbuchsen u.a.m.), Isolatoren, Hochspannungsbauelemente),
  • – in der Keramikindustrie (Hochtechnologiekeramik, Aufbrennkeramik in der Zahnprothetik)
 

Gesundheitsrisiken

Hinweise auf besondere Gefahren (R-Sätze):

  • R 25 giftig beim Verschlucken
  • R 26 sehr giftig beim Einatmen
  • R 36/37/38 Reizt die Augen, Atmungsorgane und die Haut
  • R 43 Sensibilisierung durch Hautkontakt möglich
  • R 48/23 giftig: Gefahr ernster Gesundheitsschäden bei längerer Exposition durch Einatmen
  • R 49 Kann Krebs erzeugen beim Einatmen

Daraus ergibt sich, daß Beryllium v. a. durch Einatmen und Hautkontakt ein Risiko darstellt und daß Beryllium in Festkörpern weniger riskant ist als dessen Freisetzung durch Schmelzrauche, Staubpartikel durch abtragende Fertigungsverfahren, etc.

Erkrankungen durch Beryllium oder seine Verbindungen sind als Berufskrankheit Nr. 1110  gem. BeKV anerkennbar. Es ist bekannt, dass bereits sehr niedrige Berylliumkonzentrationen in der Luft Erkrankungen auslösen können:

– die chronische Berylliose (Chronic Beryllium Disease/CBD) ist ein stoffspezifisches Krankheitsbild. CBD zählt zu den Staublungenerkrankungen. Neben Atemnot, chronischem Husten, Müdigkeit, Brustschmerz sind häufig ein beträchtlicher Gewichtsverlust, Nachtschweiß und Fieber zu beobachten. In Verbindung mit einer Herz- und Kreislaufinsuffizienz kann CBD tödlich verlaufen.
Die CBD ist äußerlich nur schwer von der sogenannten Sarkoidose (Morbus Boeck) zu unterscheiden. Die Symptome beider Erkrankungen sind ähnlich, weshalb Fehldiagnosen möglich sind. Insofern lässt sich aus der berufsgenossenschaftlichen Statistik nicht auf das Ausmaß beruflicher Berylliumexposition schließen, da viele chronischen Berylliosen unerkannt bleiben. Eine Unterscheidung ist einzig durch eine Sensibilisierung gegenüber Beryllium möglich, die bei der Diagnostik in Form eines Lymphozytenproliferationstests genutzt werden kann.

Hauterkrankungen (Gesichtsdermatitis), die aus den sensibilisierenden Eigenschaften des Stoffes resultieren

bösartige Neubildungen; einer älteren Publikation von Kuschner aus dem Jahr 1981 in Environmental Health Perspectives Vol.40, pp.101-105 zufolge sind dies v. a. Knochenkrebs (Osteosarkome) und Bronchialkarzinome

Primär prüfen, ob Beryllium unverzichtbar für die Anwendung ist. Bei Einkauf berylliumhaltiger Betriebsmittel / Werkstoffe unbedingt auf ein deutschsprachiges Sicherheitsdatenblatt bestehen und direkt oder in einer ASA-Sitzung die darin beschriebenen Schutzmaßnahmen nach Abstimmung mit Ihren Arbeitsschutzexperten  konsequent umsetzen.

Expositionsbestimmung

Im Zuge der Gefährdungsbeurteilung nach §5 ArbSchG in Verbindung mit §6 GefStoffV hat der Arbeitgeber zu ermitteln und zu dokumentieren, welche Gefahrstoffe im Betrieb vorhanden sind oder im Prozess entstehen können und wie die Mitarbeiter jeweils exponiert werden (Hautkontakt, Einatmen, Schleimhautkontakt von Augen, Nase oder Mund durch Verspritzen, etc.).

Bei Stoffen mit gesundheitsbasierten Grenzwerten wie dem ‘arbeitsplatzbezogenen Grenzwert, kurz: AGW, ist aufgrund der bei Grenzwertüberschreitung geforderten Maßnahmen eine Messung nach den jew. aktuellen Messprotokollen unverzichtbar. Dabei sollten personenbezogene Sammelverfahren gegenüber stationären bevorzugt werden, da sie allgemein repräsentativere Daten für die Expositionshöhe liefern. Der Unternehmer kann dazu den Messdienst der DGUV heranziehen oder ein akkreditiertes Labor beauftragen.

Der Betriebsarzt kann wiederum per Biomonitoring aus dem Blut die Belastung der Arbeitnehmer mit Beryllium bestimmen, was als Qualitätskontrollmaßnahme bei laufender Raumluft- / Staubanalyse empfehlenswert ist und im Zuge eines Berufskrank-heitenverfahrens versicherungsrechtlich relevant werden kann.
Sofern unbekannt ist, ob Beryllium im Unternehmen vorkommt oder aus festen Körpern bei Fertigungsprozessen oder anderen Verfahren freigesetzt wird, kann das Biomonitoring in Verbindung mit dem Lymphozytenproliferationstest als Nachweis der Exposition dienen. Dies wurde in der S3-Leitlinie Registernummer 002 / 032 als Konsens mehrerer Experten von DGUV, BAuA, VdBW, DGAUM, etc. beschlossen.

Von etwaigen, im Umgang mit Arbeitsschutz erfahrungsgemäß beliebten unternehmerischen Vermeidungsstrategien raten wir ab, da zum einen Berufskrankheiten im Ggs. zu Arbeitsunfällen für BG-Rabatte unschädlich sind und da zum anderen eine solche Unterlassung zwangsläufig eine Lücke in der Prozesskette der Gefährdungsbeurteilung entstehen lassen muss, die im Schadensfall eine Haftung des Unternehmer begründen kann, bei Nachweis von Vorsatz gar eine strafrechtliche Verfolgung.

 

Schutzmaßnahmen

OBERSTE PRIORITÄT: STAUBVERMEIDUNG

Die Verschleppung von krebserzeugenden Stoffen wie Beryllium ist generell durch räumliche Abtrennung zu verhindern.

Tätigkeiten mit Beryllium sollen nur durch fachkundige oder entsprechend unterwiesene Personen durchgeführt werden.
Belastete Arbeitsbereiche sind abzugrenzen, etwa durch Zugangsbeschränkungen.
Die Expositionsdauer und die Anzahl der Exponierten ist nach Möglichkeit zu minimieren
Die exponierten Mitarbeiter bedürfen der Unterweisung inkl. arbeitsmed.-tox. Beratung unter Beteiligung des Betriebsarztes

Bei mittlerem oder hohem Risiko ist ein Exponiertenverzeichnis gem. TRGS 410 zu führen.Ein mittleres Risiko besteht normalerweise zwischen Akzeptanz- und Toleranzkonzentration eines krebserzeugenden Stoffes, ein hohes Risiko oberhalb der Toleranzkonzentration. Da für Beryllium je ein AGW für A-Staub und für E-Staub abgeleitet wurde, besteht oberhalb des jew. anzusetzenden AGW der Hochrisikobereich.
Bei Kondensation von Metalldampf oder Tätigkeiten mit flüssigen berylliumhaltigen Legierungen überwiegt der A-Anteil, so dass hier die Einhaltung des A-Wertes anzustreben ist. Stäube aus anderen Quellen enthalten Beryllium überwiegend im E-Anteil.

Es ist ausreichend Arbeitszeit für Hygienemaßnahmen zur Verfügung zu stellen. Der Konsum von Lebens- und Genußmitteln am Arbeitsplatz darf nicht geduldet werden, ggf. ist die untere Führungsebene im Umgang mit schwierigen Mitarbeitern und in der Vermeidung deplazierter Jovialität zu schulen.

Zivil- und Arbeitskleidung sind nach den Vorgaben der TRGS 500 getrennt aufzubewahren. Private Gegenstände wie Mobiltelefone sollen nicht an den Arbeitsplatz mitgenommen werden.

Im Hochrisikobereich soll nach Schichtende geduscht und die Haare gewaschen werden, um einen Partikeleintrag in Privatkleidung, PKW und das Zuhause zu minimieren.

Bereitstellung von Atemschutz, je nach Risiko mit Tragepflicht.